ADHS in der IT: Schwäche oder unterschätzte Stärke?

Person mit ADHS in der IT
Autor: Romi
Zitat: Jede Herausforderung ist eine Chance, neue Wege zu entdecken.

Wenn der Kopf auf der Überholspur ist, während sich andere auf der Mittelspur wohlfühlen – AD(H)S in der IT-Welt

„Mit diesem Artikel müssen wir wirklich aufpassen. Das ist ein emotionales Thema.“ Chefin im Gespräch mit mir.
Ich weiß, aber vielleicht fühlen sich auch andere „Nerds“ in unserem Netzwerk angesprochen, wenn ich von dieser sogenannten „Konzentrationsschwäche“ spreche. Deshalb möchte ich meine Plattform nutzen und diesen Artikel schreiben. Mein Dank gilt meinen Chefs, welche es mir ermöglichen meine persönlichen Helden zu feiern.

ADHS ist eine klinische Diagnose, die mit echten Herausforderungen verbunden ist. Dieser Artikel beleuchtet bewusst eine Perspektive, die im Arbeitskontext oft übersehen wird.

Kennst du das auch oder kennst du jemanden, der das kennen könnte?

Es ist 23 Uhr. Die Kollegen sind längst offline. Aber du? Du bist mitten in einem Flow, den du nicht unterbrechen willst bzw. sogar kannst. Essen? Vergessen. Der Gedanke kommt dir erst gar nicht. Die Lösung für das Problem, die dich und vielleicht das ganze Team seit Tagen beschäftigt, nimmt gerade Form an. Drei Browser-Tabs mit Dokumentation, zwei Terminal-Fenster, eine leere Mate-Flasche. Du genießt das Gefühl, dass dein Gehirn mit voller Effizienz arbeitet, und es fühlt sich einfach gut an. Der Weg ist genau jetzt weniger stolprig als sonst.

Morgen früh wirst du vielleicht wieder kämpfen. Mit der Konzentration bei der Excel-Liste. Mit der Geduld für das dritte Meeting über Prozessoptimierung. Aber jetzt, in diesem Moment, bist du in deinem Element.

Falls du dich hier wiedererkennst – du bist nicht allein. Wenn nicht, auch gut. Könnte auch für dich spannend werden.

Was die Wissenschaft dazu sagt – und nun wird’s spannend

Mein Bauchgefühl war also nicht ganz daneben und wurde nach kurzer Recherche bestätigt. Es handelt sich nicht nur um einen subjektiven Eindruck, sondern es gibt Studien dazu. Eine Fallstudie der ACM (Association for Computing Machinery) aus 2023 untersuchte Software-Engineers mit ADHS und stellte fest: Die Fachkräfte zeigen relevante Stärken für die Software-Engineering-Branche, insbesondere gesteigerte Kreativität und systemisches Denken.

Der sogenannte Hyperfokus – die Fähigkeit, sich intensiv und über längere Zeiträume auf eine einzelne Aufgabe zu konzentrieren – tritt bei Menschen mit ADHS anscheinend häufiger auf (Studien: Hupfeld et al. 2018, 2022; Groen et al. 2020).
Und nun das, was ich mir schon sehr lange gedacht habe: Gerade in IT-Entwicklung oder Forschung erweist sich das als besonders wertvoll.

Noch beeindruckender: Eine Harvard Business Review Studie fand heraus, dass neurodiverse Teams 28% eher neue, innovative Produkte oder Dienstleistungen einführen. JPMorgan Chase berichtete in einer Case Study, dass Fachkräfte in ihrer „Autism at Work“-Initiative 90-140% produktiver waren als neurotypische Mitarbeitende. Das sind vielleicht alles keine Belege, aber mindestens einmal Hinweise.

Quellen: Arxiv, ACM Digital Library, ADHS-weg & Inqua-Institut

Vielleicht ist es keine Schwäche – sondern Kontext

Es geht zwar nicht um Superkräfte, aber ich persönlich (ich betone, es ist meine persönliche Meinung) bin der Ansicht, dass eine Diagnose kreative Superkräfte freisetzen kann. Es ist bestimmt eine neurologische Variante, die, für den einen oder anderen, im Alltag echte Herausforderungen mit sich bringt, insbesondere wenn es um Situationen wie Deadlines tracken, administrative Aufgaben erledigen, in langen Meetings fokussiert bleiben, geht.

Aber: In der richtigen Umgebung, mit den richtigen Tools und bei Aufgaben, die dich wirklich fordern, kannst du diese Eigenschaften nutzen. Du erkennst Muster schneller. Du denkst in Systemen. Du siehst Lösungen, die anderen verborgen bleiben. Du kannst dich in komplexe Probleme vertiefen, die andere längst frustriert aufgegeben haben.

Oder einfacher gesagt:
Wenn du in einem Umfeld arbeitest, das genau das fordert, was dein Gehirn ohnehin gerne macht, dann hört es sich plötzlich nicht mehr nach Schwäche an.

Was hilft wirklich

Aus Beobachtungen im Arbeitsalltag bei Interlake – und gestützt durch Forschungsdaten – machen folgende Faktoren den Unterschied:

  • Flexible Arbeitszeiten: Wenn du um 22 Uhr produktiver bist als um 10 Uhr morgens, sollte das möglich sein. Eine deutsche Studie von 2024 mit 373 Teilnehmenden (37% mit ADHS-Diagnose) bestätigt: Flexible Arbeitszeiten steigern Produktivität und Zufriedenheit. Quelle: Bsz-bw
  • Homeoffice-Möglichkeiten: Weniger sensorische Ablenkung, mehr Kontrolle über die Arbeitsumgebung. Das ist kein Nice-to-have, sondern kann den Unterschied zwischen fokussierter Arbeit und konstantem Kampf gegen Ablenkung bedeuten.
  • Abwechslungsreiche Projekte: IT-Berufe sind ideal, weil sie genau das bieten können. Die gleiche Studie zeigt: Anspruchsvolles, abwechslungsreiches Arbeiten ermöglicht Menschen mit ADHS, einen Hyperfokus zu entwickeln.
  • Offene Kommunikation: Nicht jedes Team muss wissen, dass du neurodivers bist. Aber es hilft, wenn du sagen kannst: „Ich brauche für diese Aufgabe zwei Stunden ungestörte Zeit“ oder „Bei repetitiven Aufgaben arbeite ich am besten mit Musik.“

An diejenigen, die sich fragen, ob sie betroffen sind

Falls du beim Lesen denkst: „Das klingt verdammt vertraut“ – vielleicht lohnt es sich, dem nachzugehen. AD(H)S wird oft erst im Erwachsenenalter diagnostiziert, gerade bei Menschen, die sich mit Intelligenz und Anpassungsstrategien durchs Leben navigiert haben.

Eine Diagnose ist kein Label und muss auch nicht offen kommuniziert werden. Wichtig ist, was du daraus machst. Sie erklärt, warum dir manche Dinge schwerer fallen. Und sie öffnet Türen zum inneren Frieden. Es tut gut zu verstehen, warum du nur in bestimmten Situationen „fleißig“ bist. Und du bist nicht allein.

    Persönliche Helden

    Ich habe am Anfang geschrieben, dass meine Chefs mir ermöglichen, meine persönlichen Helden zu feiern. Damit meine ich all die da draußen, die jeden Tag beweisen, dass anders denken kein Nachteil ist – sondern genau das, was Innovation möglich macht. Ich verstehe, wie es ist, wenn der Kopf auf der Überholspur fährt, während andere vor sich hindümpeln. Ich kenne die Mitternachts-Sessions, das Vergessen von Raum und Zeit und die „Konzentrationsschwäche“, welche eigentlich gar keine ist.
    In der IT haben wir Platz für Menschen, die anders ticken. Eigentlich sind wir voll davon, ob mit oder ohne AD(H)S.

    Fazit:
    AD(H)S ist keine Superkraft im klassischen Sinne. Es ist auch keine Fehlfunktion. Es ist einfach eine andere Art zu denken, zu arbeiten, zu funktionieren. Und vielleicht ist die IT genau deshalb so ein guter Match: Weil hier unterschiedliche Denkweisen nicht nur toleriert werden – sondern gebraucht werden. Weil hier jemand, dessen Kopf auf der Überholspur ist, endlich die Autobahn findet, auf der er fahren kann.

    Veröffentlichungsdatum: 30. März 2026

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