Warum digitale Souveränität nicht beim Rechenzentrum endet
Souveräne Cloud klingt erst einmal beruhigend. Daten in Europa, DSGVO im Blick, Anbieter mit hübschem Vertrauensversprechen. Fertig ist die Cloud-Strategie. Wäre schön. Ist aber leider nicht ganz so bequem.
Der aktuelle Forrester Wave(TM): Sovereign Cloud Platforms, Q2 2026 zeigt sehr deutlich: Souveräne Cloud ist kein Produkt, das man einfach einkauft und dann abhakt. Forrester bewertet 15 Anbieter und kommt zu einem wichtigen Punkt: Unternehmen müssen verschiedene Deployment-Modelle, technische Kontrollen, rechtliche Rahmenbedingungen und Betriebsmodelle zusammenbringen, um echte digitale Souveränität zu erreichen.
Oder kurz gesagt: Ein Rechenzentrum in Europa ist ein Anfang. Aber noch keine Strategie.
Was Forrester unter Sovereign Cloud versteht
Forrester bewertet im Report nicht nur klassische Infrastruktur. Es geht um souveräne Cloud-Plattformen, die Unternehmen mehr Kontrolle über Daten, Workloads, Betrieb, Compliance und technische Abhängigkeiten geben sollen.
Spannend ist dabei: Forrester stellt klar, dass Sovereign Cloud Platforms keine Plug-and-play-Lösungen sind. Anbieter bieten unterschiedliche Modelle an. Von Public Cloud mit Datenresidenz über Private Cloud bis hin zu isolierten oder air-gapped Umgebungen. Je stärker die Isolation, desto weniger Services stehen oft zur Verfügung. Überraschung: Maximale Kontrolle und maximaler Komfort ziehen nicht immer gemeinsam in dieselbe Wohnung.
Für Unternehmen bedeutet das: Ihr müsst nicht nur fragen, wo eure Daten liegen. Ihr müsst fragen, wer sie betreibt, wer Zugriff hat, welche Services verfügbar sind, welche Rechtsräume greifen und wie abhängig ihr von einem Anbieter werdet.
Die wichtigsten Erkenntnisse aus dem Forrester Wave 2026
Forrester ordnet die Anbieter in drei Gruppen ein: Leaders, Strong Performers und Contenders. Zu den Leaders gehören unter anderem Google Cloud, Microsoft Azure, AWS, Oracle und Tencent Cloud. Als Strong Performers werden unter anderem T-Systems, STACKIT, NxtGen Cloud Technologies und SAP genannt.
Das ist interessant, aber es ist nicht die eigentliche Pointe.
Die eigentliche Pointe ist: Die großen Hyperscaler punkten mit breitem Serviceangebot, globaler Skalierung und hoher Innovationsgeschwindigkeit. Regionale oder europäische Anbieter punkten stärker mit lokaler Kontrolle, rechtlicher Nähe und souveräner Ausrichtung. Dafür ist ihr Servicekatalog oft kleiner.
Forrester versteht die Wave ausdrücklich als Ausgangspunkt für eigene Bewertungen. Unternehmen sollen die Ergebnisse an ihre Prioritäten anpassen. Der Report ist also kein Einkaufszettel. Er ist eher ein ziemlich nützlicher Spiegel für die Frage: Was braucht euer Unternehmen wirklich?
Ja, Cloud-Strategie ist manchmal weniger „Innovation Journey“ und mehr „Excel mit Risikoabwägung“. Aber genau da entscheidet sich, ob es später weh tut.
Microsoft Azure: stark, breit, aber erklärungsbedürftig
Microsoft wird im Forrester Wave als Leader eingeordnet. Der Report hebt unter anderem Microsofts Sovereign-Cloud-Ansatz über Cloud, AI und Productivity Services hervor. Dazu gehören die EU Data Boundary, Azure Arc, Azure Local sowie souveräne Container- und Kubernetes-Szenarien.
Microsoft hat die EU Data Boundary im Februar 2025 abgeschlossen. Laut Microsoft können europäische kommerzielle und öffentliche Kunden ihre Kundendaten und pseudonymisierten personenbezogenen Daten für zentrale Cloud-Dienste, darunter Microsoft 365, Dynamics 365, Power Platform und die meisten Azure Services, innerhalb der EU und EFTA speichern und verarbeiten. Für bestimmte Azure Services können zusätzliche Kundenschritte erforderlich sein, insbesondere im Zusammenhang mit Professional-Services-Daten aus Supportfällen.
Das ist ein wichtiger Schritt. Vor allem für Unternehmen, die bereits tief im Microsoft-Ökosystem arbeiten. Azure ist stark bei Skalierung, Security, Governance, Integration, Automatisierung und modernen Plattformdiensten.
Aber: Auch Azure wird nicht souverän, nur weil man ein paar Richtlinien aktiviert. Ihr braucht saubere Architektur, Datenklassifizierung, Rollenmodelle, Schlüsselmanagement, Logging, Backup-Strategien und klare Betriebsprozesse. Sonst habt ihr am Ende eine sehr moderne Cloud mit sehr modernen offenen Fragen.
STACKIT: souveräner Fokus mit europäischer DNA
STACKIT wird im Forrester Wave als Strong Performer eingeordnet. Für Unternehmen in Deutschland und Europa ist das besonders relevant, weil STACKIT stark auf digitale Souveränität, Datenresidenz und europäische Kontrolle ausgerichtet ist.
Forrester beschreibt STACKITs Strategie über drei zentrale Säulen: Daten liegen ausschließlich in Deutschland und Österreich, das Unternehmen setzt als privates Unternehmen auf wirtschaftliche Resilienz und auf technische Autonomie durch Open-Source-Standards. Außerdem hebt Forrester hervor, dass STACKIT einen souveränen Datenbank-Stack in EU-Rechenzentren bietet und Anforderungen rund um GDPR, BSI C5 und ISO 27001 adressiert.
Wichtig ist die Formulierung: adressiert. DSGVO-Konformität entsteht nicht automatisch durch den Anbieter. Sie hängt auch von Vertrag, Konfiguration, Datenverarbeitung, Rollenmodell, TOMs und euren internen Prozessen ab. Schön wäre es, wenn Compliance einfach im Warenkorb läge. Tut sie aber nicht.
Der Report nennt auch Einschränkungen: Kunden sehen STACKIT laut Forrester häufig noch stärker als Infrastruktur-Anbieter. Der Produktumfang ist kleiner als bei den großen Hyperscalern. Außerdem verweist Forrester auf Kundenfeedback, wonach einzelne Kunden Bedenken zu Wartungstransparenz geäußert haben.
Und genau das macht STACKIT nicht schlechter. Es macht die Entscheidung nur ehrlicher.
Wenn ihr maximale Plattformbreite, globale Services und viele KI- und Developer-Tools braucht, kann Azure sehr sinnvoll sein. Wenn ihr für bestimmte Workloads mehr europäische Kontrolle, Open-Source-Nähe und souveräne Architekturprinzipien braucht, kann STACKIT eine starke Alternative sein.
Die Frage ist nicht: Azure oder STACKIT? Die Frage ist: Welcher Workload braucht welches Maß an Souveränität?
Der EU Data Act macht Portabilität wichtiger
Digitale Souveränität endet nicht bei Datenschutz. Sie betrifft auch die Frage, wie gut ihr später wieder aus einer Plattform herauskommt.
Der EU Data Act ist am 11. Januar 2024 in Kraft getreten und seit dem 12. September 2025 anwendbar. Die EU-Kommission nennt ausdrücklich neue Regeln, die Kunden den Wechsel zwischen verschiedenen Anbietern von Datenverarbeitungsdiensten erleichtern und zu einem Rahmen für effiziente Dateninteroperabilität beitragen sollen.
Das ist für Cloud-Strategien enorm wichtig. Denn ein Anbieter kann noch so souverän klingen: Wenn ihr technisch, vertraglich oder operativ kaum wechseln könnt, seid ihr nicht souverän. Ihr seid nur gut dekoriert abhängig.
Deshalb sollten Unternehmen schon vor der Migration klären: Welche Daten müssen portabel bleiben? Welche Schnittstellen sind offen genug? Welche Abhängigkeiten entstehen durch Managed Services? Welche Exit-Strategie gibt es? Welche Workloads sollten bewusst hybrid oder multi-cloud gedacht werden?
Das ist nicht der romantischste Teil der Cloud-Transformation. Aber einer der wichtigsten.
Warum souverän nicht automatisch sicher bedeutet
Ein weiterer wichtiger Punkt aus dem Forrester-Bericht: Technische Isolation allein reicht nicht. Forrester betont, dass eine Cloud-Plattform nicht einfach souverän ist, nur weil sie technisch isoliert ist. Self-contained Services müssen auch physische, logische und rechtliche Unabhängigkeit berücksichtigen.
Das ist ein entscheidender Unterschied.
Sicherheit fragt: Ist das System geschützt? Souveränität fragt zusätzlich: Wer kontrolliert das System? Wer kann eingreifen? Wer kann Zugriff erzwingen? Wer betreibt es? Wer verwaltet Schlüssel? Wer entscheidet im Krisenfall?
Für IT-Leiter im Mittelstand wird das zunehmend relevant. Nicht nur wegen DSGVO. Sondern wegen NIS2, Lieferkettenrisiken, geopolitischer Unsicherheit, branchenspezifischer Compliance und wachsendem Druck auf belastbare IT-Resilienz.
Souveränität ist damit keine rein juristische Diskussion. Sie ist Betriebsrealität.
Was bedeutet das für den Mittelstand?
Für den Mittelstand ist der Forrester Wave kein Einkaufszettel. Er ist ein Warnschild gegen einfache Antworten.
Viele Unternehmen suchen nach der einen Cloud-Lösung, die alles kann: skalieren, sparen, absichern, modernisieren, souverän sein, KI ermöglichen, Compliance erfüllen und bitte keine Arbeit machen. Verständlich. Leider eher Wunschzettel als Architektur.
Realistischer ist ein differenzierter Ansatz.
Standardisierte, weniger kritische Workloads können sehr gut in einer Public Cloud laufen. Kritische Datenbanken, regulierte Anwendungen oder sensible Kundenprozesse brauchen vielleicht eine souveränere Architektur. Legacy-Systeme benötigen oft erst einmal Modernisierung, bevor überhaupt sinnvoll über Cloud gesprochen werden kann. Und manche Systeme bleiben besser dort, wo sie sind. Ja, auch das darf man sagen.
Eine gute Cloud-Strategie ist nicht möglichst cloudig. Sie ist möglichst passend.
Azure, STACKIT oder hybrid: Wie ihr sinnvoll entscheidet
Die Auswahl sollte nicht mit dem Anbieter beginnen, sondern mit euren Anforderungen.
Wenn ihr bereits stark im Microsoft-Ökosystem arbeitet, viele Integrationen nutzt und moderne Plattformdienste braucht, ist Microsoft Azure oft naheliegend. Besonders dann, wenn ihr Governance, Security, Automatisierung und Skalierung sauber umsetzt.
Wenn ihr mehr europäische Kontrolle, Datenresidenz, Open-Source-Nähe und souveräne Architektur für regulierte Workloads braucht, kann STACKIT eine sehr gute Option sein. Besonders für Unternehmen, die ihre Abhängigkeit von US-Hyperscalern bewusst reduzieren wollen.
Wenn ihr beides braucht, wird es hybrid. Nicht aus modischem Multi-Cloud-Ehrgeiz. Sondern weil unterschiedliche Workloads unterschiedliche Anforderungen haben.
Das klingt weniger spektakulär als „Wir gehen jetzt komplett in die Cloud“. Ist aber meistens klüger.
Fazit: Souveräne Cloud ist kein Siegel. Sie ist eine Entscheidungskette.
Der Forrester Wave 2026 zeigt: Der Markt für Sovereign Cloud ist erwachsen geworden. Große Hyperscaler bauen souveräne Optionen aus. Europäische Anbieter gewinnen an Bedeutung. Regulatorik macht Portabilität und Kontrolle wichtiger. Und Unternehmen müssen genauer hinschauen, was hinter einem souveränen Angebot wirklich steckt.
Für euch heißt das: Nicht auf Labels verlassen. Nicht nur auf Datenresidenz schauen. Nicht nur den größten Anbieter wählen, weil er schon da ist. Und auch nicht automatisch den europäischsten Anbieter wählen, nur weil es sich gut anfühlt.
Souveräne Cloud entsteht durch Architektur, Betrieb, Compliance, Kontrolle und klare Prioritäten.
Oder weniger freundlich gesagt: Wer Sovereign Cloud wie ein Produkt einkauft, bekommt am Ende vielleicht genau das. Ein Produkt. Aber noch lange keine Souveränität.
FAQ: Sovereign Cloud und digitale Souveränität
Was ist eine Sovereign Cloud?
Eine Sovereign Cloud ist eine Cloud-Umgebung, die Unternehmen mehr Kontrolle über Daten, Betrieb, Zugriff, Rechtsraum und technische Abhängigkeiten geben soll. Es geht nicht nur um den Standort der Daten, sondern auch um Governance, Schlüsselmanagement, Betriebsmodell, Supportprozesse und rechtliche Einflussmöglichkeiten.
Ist Microsoft Azure eine souveräne Cloud?
Microsoft bietet mit der EU Data Boundary, Microsoft Cloud for Sovereignty, Azure Arc und Azure Local wichtige Bausteine für souveräne Cloud-Szenarien. Ob eine Azure-Umgebung wirklich souverän genug ist, hängt aber von Architektur, Konfiguration, Betriebsmodell und Compliance-Anforderungen ab.
Macht eine Sovereign Cloud automatisch DSGVO-konform?
Nein. Eine Sovereign Cloud kann dabei helfen, bestimmte Anforderungen besser umzusetzen. DSGVO-Konformität hängt aber auch von Verträgen, Rollen, Konfiguration, TOMs, Datenflüssen, Löschkonzepten, Zugriffen und internen Prozessen ab.
Wie hilft Interlake bei Sovereign Cloud?
Interlake hilft euch dabei, Cloud-Strategien nicht nach Bauchgefühl oder Anbieter-Folie zu entscheiden. Wir analysieren eure Workloads, Compliance-Anforderungen, Betriebsmodelle und Modernisierungsbedarfe. Danach entwickeln wir eine Cloud-Architektur, die zu eurem Unternehmen passt. Ob Microsoft Azure, STACKIT, hybrid oder bewusst nicht Cloud um jeden Preis.
Interlake Media begleitet Unternehmen aus verschiedensten Branchen bei Fragen rund um Cloud-Infrastruktur und IT-Modernisierung.
Quellen und redaktionelle Grundlage
Forrester Research: The Forrester Wave(TM): Sovereign Cloud Platforms, Q2 2026
Microsoft: Microsoft completes landmark EU Data Boundary, Februar 2025 – https://blogs.microsoft.com/on-the-issues/2025/02/26/microsoft-completes-landmark-eu-data-boundary-offering-enhanced-data-residency-and-transparency/
Europäische Kommission: Data Act – https://digital-strategy.ec.europa.eu/en/policies/data-act



